Reminiszere

Die letzte Woche hatte mit reichlich Stress geendet. Darum nutzte ich den predigtfreien Sonntag und neuen Wochenstart, um einen Ausflug zu machen und ein bisschen rauszukommen.

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Ich schaute mir Otto Dix in Düsseldorf an. Eine wirklich großartige Ausstellung, ein wirklich beeindruckender Künstler. Zwei Mal habe ich mir alle Bilder angesehen, gelegentlich ein wenig verwirrt, weil sie in dem schönen Begleitheft in etwas anderer Reihenfolge angeordnet waren.

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Invokavit

Ich hatte am Sonntag schon früh mit der Wanderfreundin geskypt und mich danach mit ihr zum Aquajoggen verabredet, denn ich schlafe durch die Fasterei wie ein Murmeltier und war entsprechend fit. Auf dem Rückweg kam ich beim Vietnamesen vorbei und holte dort meine erste Sonntagsspeise: Gebackenes Huhn plus Sommerrrollen.

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Kaum später war die Woche voll mit den Dingen, die anzugehen ich mir für die Fastenzeit vorgenommen hatte. Vier Termine – beruflich, privat und was dazwischen, nicht alles auf meinem Mist gewachsen. Jetzt bin ich platt wie eine Flunder und eigentlich bereit, mir die Kante zu geben ein Glas Wein zu gönnen. Doch nein, ich faste ja und dabei bleibt es auch. Allerdings fehlt mir durch den Stress die Beschaulichkeit. Das Fasten kriegt eine recht herbe Alltagsnote, ich hätte es gern etwas romantischer. Vielleicht kommt das ja trotzdem noch.

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Esto mihi

„Esto mihi“ – „Sei mir“ ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest.start
Um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen
(Ps 31,3b.4b).
So lautete früher die Antiphon und damit der Name des Sonntags, nach dem die Fastenzeit beginnt und wie der Sonntag selbst heißt im Kirchenjahr automatisch die ganze Woche.
Also liegt der Aschermittwoch in der Woche Esto mihi; Esto mihi ist außerdem mein Lieblingssonntag, weil ich dieses starke, schützende Gottesbild so mag.
Dies ist der erste Fastenpost, der heißt nach dem aktuellen Sonntag und wenn noch mehr Fastenposts kommen, geht das so weiter.

Tl;dr: Erster Fastenpost, benannt nach der aktuellen Woche im Kirchenjahr, die nach meinem Lieblingssonntag heißt. Usw.

Ich faste wieder, jedenfalls habe ich damit angefangen. Kein Alkohol, kein Fastfood, keine Süß- und Salzigkeiten mit einer maßvollen Ausnahme am Sonntag.
Der Einstieg klappte unerwartet gut. Statt der Anfangspanik, die mich sonst immer ereilt, war ich nur etwas aufgekratzt und hatte Lust loszulegen. Das kommt vielleicht durch’s letzte Jahr, in dem mir beim Fasten klar wurde, dass mein Rhythmus völlig OK ist und dass es eine Menge Leute in meinem Umfeld gibt, die mitfasten oder mit Wohlwollen dabei sind.

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Rundfunkgeschichte und was über Dylan (Bücher 2/2)

Wie im letzten Post angekündigt nun die zweite Runde: Zwei Bücher und eine DVD. Ich fange mit der Rundfunkgeschichte an, da geht es konkret um die 90-jährige Geschichte des Senders Langenberg, der für Nordrhein-Westfalen wichtigsten Senderanlage. Den rot-weißen Pinn auf dem Hordtberg hat jeder hier in der Gegend mindestens auf Fotos schon einmal gesehen.

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Ich bin ja nicht nur begeisterte Radiohörerin, sondern auch in der Nähe des Senders Nordhelle im Ebbegebirge aufgewachsen. Und erst kürzlich sind die Wanderfreundin und ich durch das Felderbachtal bei Langenberg gewandert. Auf dem Bild, das die Wanderfreundin dort gemacht hat, lassen sich die Sendemasten jenseits des Tales bestenfalls erahnen, aber weil die Gegend so schön ist, gibt es das Foto trotzdem:

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Bücher 1/2 mit Stefan, Floridi und Luthers Essen

Belletristik ist bei mir im Augenblick nicht so dran, das macht aber nichts, ich fühle mich trotzdem bestens unterhalten, horizonterweitert, beglückt; wofür man Lesen eben so braucht. Einiges ist noch in der Mache, außerdem soll der Post nicht zu lang werden, darum in zwei Etappen, hier der erste Schwung:

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„52 Runden. 52 Interviews.“ Von Stefan Ludwig ist das erste Buch, über das ich berichten möchte. Stefan (ich kenne ihn bald 15 Jahre) ist sicher einer der optimistischsten und freundlichsten Menschen, die es gibt. Er ist in der Kulturszene und im Eventmanagement zu Hause wie nur wenige und dort zwei Mal mit eigenen Projekten pleite gegangen. Das ist so krass, dass er selbst fand, er könnte mit 38 Jahren eigentlich seine Biographie schreiben. Doch das journalistische Handwerk liegt ihm mehr. Also machte Stefan es anders und lud sich über das Jahr 52 InterviewpartnerInnen ein, die mit ihm um den Dortmunder Phoenixsee gingen und sich dabei unterhielten: Ein Taxifahrer, eine tierschutzaktive Buchhalterin oder ein Beamter bis hin zu so illustren Leuten wie Lioba Albus, Fritz Eckenga und Sascha Grammel.

52Runden – Januar 2016 from Stefan Ludwig on Vimeo.

Der Clou ist außerdem, dass nicht nur Stefan seinen Interviewpartnern Fragen stellte, sondern sie ihn ebenfalls fragen durften. So entstanden nicht nur richtige Gespräche, sondern man erfährt oft mehr über jemanden, wenn er selbst anfängt zu fragen, als wenn er nur antworten muss. Stefan sagt, er macht mit den Interviews und den Spaziergängen weiter. Dann geht vielleicht auch beim Lektorat noch etwas mehr. Bis dahin freue ich mich über dieses großartige Buch, so liebenswürdig wie sein Autor, witzig, tiefsinnig und mit einer Menge Dortmunder Lokalkolorit.

Stefan Ludwig: 52 Runden. 52 Interviews, Dortmund 2016

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Lernen und Lehren

„Ich hoffe, ich habe euch weder verloren noch eingeschüchtert, bloß weil ich von der intimen Begegnung spreche, die sich ereignet, wenn echtes Lernen und echtes Lehren passieren. Weil ich davon spreche, mich selbst zu fühlen, die Gefühle anderer Menschen und meine Reaktionen darauf wahrzunehmen. Denn wir alle müssen freilich verstehen, dass dieser Austausch die am heftigsten untersagte und zu verhindern gesuchte menschliche Übung unserer Zeit ist.

Die puritanische Ethik von heute nähert sich ihren logischen Folgen. Junge Menschen können ohne mit der Wimper zu zucken Sexualkontakte haben, doch sie ertragen nicht die Intimität einer genauen Auseinandersetzung oder einer gemeinsam erlebten Empfindung. Dennoch ist es diese Intimität, die notwendig ist, um wahrhaft zu lehren, zu schreiben, zu leben.

Ihr habt mich gebeten, meine Gefühle über die Lehrerin als Poetin auszusprechen. Ich zeige euch mich selbst. Ich zeige euch euer Selbst; lernt, eure Dichterin zu lieben, lernt es, sie zu leben. Ihr lehrt so, wie ihr empfindet, wie ihr lebt, wie ihr eure Gefühle zeigt.“

Audre Lorde

Mit Dank an den Verlag w_orten & meer

Zwei Bücher

In diesem Urlaub habe ich viel gelesen. Ein besonders dickes Buch ist noch in der Mache, zwei kleinere sind bereits verschlungen. Beide hatte die Mädchenmannschaft empfohlen:

Das erste heißt „die Vegetarierin“, geschrieben von der Koreanerin Han Kang und von der Übersetzerin Ki-Hyang Lee ins Deutsche übertragen. Es handelt von einer verheirateten Frau, die beschließt, vegetarisch, ja vegan und schließlich wie eine Pflanze zu leben. Was als Novelle anfängt, entwickelt sich immer mehr zu einer Tragödie. Han Kang verbindet Magersucht, Symbole, Selbstbestimmungsrecht, Gewalt und Irrsinn so kunstvoll miteinander, dass es grausam faszinierend ist. Dabei ist ihre Sprache trotz vieler bildreicher Themen und Gegenstände sehr schlicht. Das hat mich am allermeisten angesprochen. Bereits während der ersten Seite dachte ich, dass ich jemandem aus diesem Buch vorlesen muss, damit wir diese Sprache hören, vom ersten Satz an: „Bevor meine Frau zur Vegetarierin wurde, hielt ich sie in jeder Hinsicht für völlig unscheinbar.“

Han Kang: Die Vegetarierin, Berlin 2016

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